Gastaufenthalt im Böblinger Kunstverein 1.1.-15.2.2015:
Böblinger Amtsblatt
Küche und Atelier Sichten der in der Stadt gesammelten Motive im Atelier Die Räumlichkeiten des Vereins auf dem Schlossberg Kaffeepause in der Küche
Ausstellung „Böblingen“ im Böblinger Kunstverein 15.2.-8.3.2015:
Böblinger Bote
Viel Publikum bei der Ausstellungseröffnung. Die Einführung hielt Dr. Günter Baumann. Der Verein erhielt als Dankeschön von mir einen Linolschnitt aus meinem Projekt.
Bilder
Einführungsrede von Dr. Günter Baumann, Vorsitzender des Böblinger Kunstvereins: Liebe Freunde des Kunstvereins, ich freue mich, heute eine Ausstellung mit Arbeiten von Ava Smitmans eröffnen zu können. Liebe Ava, du bist uns ein sehr willkommener Gast in Böblingen gewesen, wo du in den vergangenen Wochen so fleißig die Stadt erkundet und im wahrsten Sinne des Wortes zu Papier gebracht hast. Wenn wir die Anzahl entstandener Blätter mit einer Wohlfühlskala koppeln könnten, kämen wir – meine ich – auf einen imposanten Wert. Die erfreuliche Presse in diesen Tagen macht deutlich, dass Ava Smitmans‘ Kunst als öffentliches Thema wahr- genommen wird. (…) Es geht um Böblingen, nicht nur als Veranstaltungsort, sondern als Motiv. Ava Smitmans sucht sich jedoch ganz bewusst keine Postkartenmotive aus, und sie versteht sich auch nicht als Architekturzeichnerin – trotz der Gebäude, die sie als Protagonisten in Szene setzt. Der Charme ihrer Arbeiten liegt im privaten Blickwinkel. Der Balkon im Alten Amtsgericht, der in und von der Stipendiatenwohnung aus auf Papier und in natura bewundert werden kann, zeichnet eine andere Geschichte ab als etwa die Stadtkirche. Beides stünde für den Schlossberg, im kleinen wie im großen. Ohne Frage wären die Storys, die sich um eine Dar-stellung der Kirche ranken könnten, bedeutsamer, nicht staats-, aber doch sicher stadttragend, während der Blick auf den einfachen, etwas maroden Balkon eine Intimität voraussetzt, die lebensnähere Assoziationen zulässt. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass auch dieses Gebäude des Alten Amtsgerichts seinen Denkmalcharakter hat – wie die Stadt- kirche. In Böblingen wird das gegenwärtig leicht übersehen. Wir müssen aber nicht nur Bezug auf Perspektiven lenken, die schon wirkliche Insiderpositionen voraussetzen. Die Tübinger Künstlerin Ava Smitmans hat sich vor zehn Jahren aufgemacht, um gezielt stadträumliche Situationen und abgelegene Orte ausfindig zu machen, die dem normalen Blick entgehen. Gerade ihre Sicht als »Auswärtige« ist wesentlich – es gehört zum Konzept, dass sie sich in ihr weniger vertraute Städte hineinsieht. So wird ihre Neugierde, ihr Interesse geweckt, wo der Gewohnheitsblick längst darüber hinwegsieht. Erst in der künstlerischen Umsetzung wird das Motiv auch wieder für den Ortskundigen spannend. Mehr noch: das Aha-Erlebnis wird regelrecht mobilisiert – sieh da, das ist das Flugfeld bei Nacht, das Einkaufszentrum, das Parkhaus, der Kopiershop, ein Eisladen mit Pizzeria, ein Pub, der Kurzwarenladen XY, der Hotelhinterhof Z etc. Leerstände sind immer gern gesehene Motive in Ava Smitmans‘ Fokus, der auch urbane Wunden wahrnimmt. Ava Smitmans ist weit davon entfernt, topografische Feinmalerei zu betreiben oder eine idealisierte Vedutentreue zu pflegen. Ihre Motive sind angeschnitten wie Fotos –die auch den Arbeiten zugrunde liegen –, parkende Autos werden gern miteinbezogen, um eine geschönte Heileweltoptik zu vermeiden, ein Lineal kommt gleich gar nicht in Frage. Stürzende Linien unterstützen den spontanen Eindruck, der durch die Techniken unterstützt wird. Flüchtige Kohleskizzen finden sich genauso wie Bunt- und Bleistiftzeichnungen mit kolorierten Details aus Acryl, ab und zu auch Leuchtfarbe. Ein wahrer Zauber ihrer Kunst besteht in den colla- gierten Elementen: hier wird aus einer Wellpappe ein Wellblechdach oder ein Zaun, der unmittelbar die Handschrift des gelebten Lebens trägt, dort vermitteln eingeklebte Werbe- motive genau die Alltäglichkeit, die sich poppig hervorhebt. »Pappe«, so sagt Ava Smitmans, »ist für mich Symbol für Alltag, für Vergänglichkeit und auch für die Wegwerfmentalität«. Der spezielle Reiz entsteht zudem dadurch, dass die Künstlerin in ein und demselben Bild 3 realistische Akzente setzt und zugleich abstrakte Passagen zulässt. Farbspiel begegnet dem fotografischen Detail, Linie der Fläche. Hier wird deutlich, dass sie nicht eigentlich ein Gebäude auf dem Papiergrund nachbildet, sondern im besten Sinne porträtiert: Ihr Ziel ist es, die Stimmung festzuhalten, die Bewohner und Passanten angesichts dieser Häuser haben – mithin sind ihre Bilder auch Projektionen der Menschen, die hier arbeiten oder einkaufen, wohnen oder auch nur vorbeigehen. Sie bedarf dazu keines Personals, sprich: Menschen treten praktisch nicht auf. Wie gesagt, die Bauten sind die Protagonisten. Darüber hinaus beschäftigt sich Ava Smitmans mit der Werterhaltung – das meint weniger den Kommerz als nostalgische Elemente. Schriftzüge wie »Elektro Burkhard« oder Plakate vom »Reiseladen«, meist Relikte aus alten Zeiten, machen bewusst, sich an den Hausmauern vergangene Wünsche und Träume ablesen lassen. Ein Hauch von guter alter Zeit? Vielleicht. Ava Smitmans, Tochter eines renommierten Kunsthistorikers, die aus einer weitverzweigten Künstlerfamilie stammt, geht auch privat sorgfältig mit Vergangenheit um. Womöglich ist es aber auch ein bild-hafter Aufruf, dem besagten gelebten Leben und dem Baubestand eine Chance zu geben, auch künftig beachtet zu werden. Kultur ergibt sich nicht aus den Schau- und Schokoladenseiten des Lebens, sondern aus dem Miteinander mit den Schattenseiten. Das klingt ein wenig melancholisch, doch angesichts unserer abreißwütigen Stadtsanierungen verbindet sich damit auch eine Aufforderung, zwischendurch die Bausubstanz zu erhalten. Sicher, Ava Smitmans zielt oft auf betont unschöne, abseitige Motive, wenn etwa Alt- und Neubauten aneinandergestellt werden, die vordergründig überhaupt nicht zusammengehören, die eher den Eindruck zerstrittener Nachbarschaft vermitteln, als ein trautes Gesamtbild. Aber das ist eben unsere Realität. Beides ist der Illustratorin des Alltäglichen wichtig. Und genau hierin liegt ihre Liebeserklärung, gegen die jede Postkartenseligkeit verlogen daher kommt. Die Wirklichkeit ist vielschichtiger als unser gehetzter Blick zuweilen wahr haben will, sie ist wirklicher als die virtuellen Bilder auf unseren Bildschirmen und Displays. Auch das lehrt uns Ava Smitmans: sehen, was uns umgibt. Liebe Freunde der Kunst, das könnt ihr, das können Sie mitnehmen, als optischen Gewinn bzw. optische Bereicherung oder auch tatsächlich zum Mitnehmen. Die Preisliste liegt aus. Ich danke für die Aufmerksamkeit.
Die Ausstellung