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Eröffnungsrede (leicht gekürzt):Ava Smitmans – Böblingen, Böblinger Kunstverein, 15.2.2015

Liebe Freunde des Kunstvereins,

ich freue mich, heute eine Ausstellung mit Arbeiten von Ava Smitmans eröffnen zu können. Liebe Ava, du bist uns ein sehr willkommener Gast in Böblingen gewesen, wo du in den vergangenen Wochen so fleißig die Stadt erkundet und im wahrsten Sinne des Wortes zu Papier gebracht hast. Wenn wir die Anzahl entstandener Blätter mit einer Wohlfühlskala koppeln könnten, kämen wir – meine ich – auf einen imposanten Wert. Die erfreuliche Presse in diesen Tagen macht deutlich, dass Ava Smitmans‘ Kunst als öffentliches Thema wahrgenommen wird.

(....)

Es geht um Böblingen, nicht nur als Veranstaltungsort, sondern als Motiv. Ava Smitmans sucht sich jedoch ganz bewusst keine Postkartenmotive aus, und sie versteht sich auch nicht als Architekturzeichnerin – trotz der Gebäude, die sie als Protagonisten in Szene setzt. Der Charme ihrer Arbeiten liegt im privaten Blickwinkel. Der Balkon im Alten Amtsgericht, der in und von der Stipendiatenwohnung aus auf Papier und in natura bewundert werden kann, zeichnet eine andere Geschichte ab als etwa die Stadtkirche. Beides stünde für den Schlossberg, im kleinen wie im großen. Ohne Frage wären die Storys, die sich um eine Darstellung der Kirche ranken könnten, bedeutsamer, nicht staats-, aber doch sicher stadttragend, während der Blick auf den einfachen, etwas maroden Balkon eine Intimität voraussetzt, die lebensnähere Assoziationen zulässt. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass auch dieses Gebäude des Alten Amtsgerichts seinen Denkmalcharakter hat – wie die Stadtkirche. In Böblingen wird das gegenwärtig leicht übersehen. Wir müssen aber nicht nur Bezug auf Perspektiven lenken, die schon wirkliche Insiderpositionen voraussetzen. Die Tübinger Künstlerin Ava Smitman hat sich vor zehn Jahren aufgemacht, um gezielt stadträumliche Situationen und abgelegene Orte ausfindig zu machen, die dem normalen Blick entgehen. Gerade ihre Sicht als »Auswärtige« ist wesentlich – es gehört zum Konzept, dass sie sich in ihr weniger vertraute Städte hineinsieht. So wird ihre Neugierde, ihr Interesse geweckt, wo der Gewohnheitsblick längst darüber hinwegsieht. Erst in der künstlerischen Umsetzung wird das Motiv auch wieder für den Ortskundigen spannend. Mehr noch: das Aha-Erlebnis wird regelrecht mobilisiert – sieh da, das ist das Flugfeld bei Nacht, das Einkaufszentrum, das Parkhaus, der Kopiershop, ein Eisladen mit Pizzeria, ein Pub, der Kurzwarenladen XY, der Hotelhinterhof Z etc. Leerstände sind immer gern gesehene Motive in Ava Smitmans‘ Fokus, der auch urbane Wunden wahrnimmt

Ava Smitmans ist weit davon entfernt, topografische Feinmalerei zu betreiben oder eine idealisierte Vedutentreue zu pflegen. Ihre Motive sind angeschnitten wie Fotos – die auch den Arbeiten zugrunde liegen –, parkende Autos werden gern miteinbezogen, um eine geschönte Heileweltoptik zu vermeiden, ein Lineal kommt gleich gar nicht in Frage. Stürzende Linien unterstützen den spontanen Eindruck, der durch die Techniken unterstützt wird. Flüchtige Kohleskizzen finden sich genauso wie Bunt- und Bleistiftzeichnungen mit kolorierten Details aus Acryl, ab und zu auch Leuchtfarbe. Ein wahrer Zauber ihrer Kunst besteht in den collagierten Elementen: hier wird aus einer Wellpappe ein Wellblechdach oder ein Zaun, der unmittelbar die Handschrift des gelebten Lebens trägt, dort vermitteln eingeklebte Werbemotive genau die Alltäglichkeit, die sich poppig hervorhebt. »Pappe«, so sagt Ava Smitmans, »ist für mich Symbol für Alltag, für Vergänglichkeit und auch für die Wegwerfmentalität«. Der spezielle Reiz entsteht zudem dadurch, dass die Künstlerin in ein und demselben Bild realistische Akzente setzt und zugleich abstrakte Passagen zulässt. Farbspiel begegnet dem fotografischen Detail, Linie der Fläche. Hier wird deutlich, dass sie nicht eigentlich ein Gebäude auf dem Papiergrund nachbildet, sondern im besten Sinne porträtiert: Ihr Ziel ist es, die Stimmung festzuhalten, die Bewohner und Passanten angesichts dieser Häuser haben – mithin sind ihre Bilder auch Projektionen der Menschen, die hier arbeiten oder einkaufen, wohnen oder auch nur vorbeigehen. Sie bedarf dazu keines Personals, sprich: Menschen treten praktisch nicht auf. Wie gesagt, die Bauten sind die Protagonisten. Darüber hinaus beschäftigt sich Ava Smitmans mit der Werterhaltung – das meint weniger den Kommerz als nostalgische Elemente. Schriftzüge wie »Elektro Burkhard« oder Plakate vom »Reiseladen«, meist Relikte aus alten Zeiten, machen bewusst, sich an den Hausmauern vergangene Wünsche und Träume ablesen lassen. Ein Hauch von guter alter Zeit? Vielleicht. Ava Smitmans, Tochter eines renommierten Kunsthistorikers, die aus einer weitverzweigten Künstlerfamilie stammt, geht auch privat sorgfältig mit Vergangenheit um. Womöglich ist es aber auch ein bildhafter Aufruf, dem besagten gelebten Leben und dem Baubestand eine Chance zu geben, auch künftig beachtet zu werden. Kultur ergibt sich nicht aus den Schau- und Schokoladenseiten des Lebens, sondern aus dem Miteinander mit den Schattenseiten. Das klingt ein wenig melancholisch, doch angesichts unserer abreißwütigen Stadtsanierungen verbindet sich damit auch eine Aufforderung, zwischendurch die Bausubstanz zu erhalten. Sicher, Ava Smitmans zielt oft auf betont unschöne, abseitige Motive, wenn etwa Alt- und Neubauten aneinandergestellt werden, die vordergründig überhaupt nicht zusammengehören, die eher den Eindruck zerstrittener Nachbarschaft vermitteln, als ein trautes Gesamtbild. Aber das ist eben unsere Realität. Beides ist der Illustratorin des Alltäglichen wichtig. Und genau hierin liegt ihre Liebeserklärung, gegen die jede Postkartenseligkeit verlogen daher kommt. Die Wirklichkeit ist vielschichtiger als unser gehetzter Blick zuweilen wahr haben will, sie ist wirklicher als die virtuellen Bilder auf unseren Bildschirmen und Displays. Auch das lehrt uns Ava Smitmans: sehen, was uns umgibt. Liebe Freunde der Kunst, das könnt ihr, das können Sie mitnehmen, als optischen Gewinn bzw. optische Bereicherung oder auch tatsächlich zum Mitnehmen. Die Preisliste liegt aus.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

Günter Baumann, Februar 2015

  • Ava Smitmans

    Ansichtssachen – Malerei und Grafik
  • Stadtmuseum Horb 20.10.2014 – 08.02.2015

    Eröffnung der Ausstellung am Montag, 20.10.2010, 19.00 Uhr

     

    Die ewig gleichen Himmel haben gefälligst (mindestens touristisch gesehen) azurblau zu sein, von Wellen leicht gekräuselt das Meer stets in der Sonne zu glitzern, und all die historischen Fassaden, altvorderen Denkmale und geschichtsträchtigen Monumente uns sicher verlässlich anzuzeigen, wo wir uns oder andere, die auf Reisen sind, sich gerade befinden. Doch Postkartenidyllen sind bekanntlich trügerisch: wer würde schon – selbst noch nach zwei elend verregneten Wochen in der Toskana – beim Souvenir-Shop um die Ecke nachfragen wollen, ob sie wohl auch bleischwer wolkenverhangene Panoramabilder voller Nix-zu-Sehen führten, das Matterhorn in dichtem Nebel vollständig verborgen oder die Pariser Notre Dame komplett und damit unkenntlich unter Baufolie eingerüstet (ohne dass es sich hier um eine Kunstaktion von Christo handeln würde)? Wir lieben alle Klischees und möchten dieselben gerne immer weiter bedient wissen.

    Dabei sind beispielsweise Schönheit, Glück und ein Gelingen – um nur die geläufigsten Klischees des privaten Daseins weiter voranzutreiben – doch stets Ansichtssachen, die von individuell geprägten Sehweisen und Blickwinkeln, den spezifischen Zeiten und den verschiedenen Orten, in denen wir je zu leben pflegen, abhängen. Da helfen vorgefertigte Bilder, Synonyme, Surrogate nicht wirklich weiter, denn sie sind nicht wirklich wirklich! Was wir selbst nämlich als lupenreines Strandparadies interpretieren wollen, mag etwa durch Umweltverschmutzung und moderne Sklavenarbeit als wenig erholsam erscheinen, luftige Bergwelten vom ebendiese zerstörenden Klimawandel restlos bedroht; und noch wenn wir in den gotischen Kathedralenhallen stehen, die uns weiszumachen versuchen, sie seien beredte Zeugnisse einer identitätsstiftenden Frömmigkeit und Gottesfurcht, müssen wir doch viel eher feststellen, dass sie ebensosehr auch die Ergebnisse eines höchst irdischen Repräsentations- und Machtwahns versinnbildlichen. Dessen riesenhafte Verkörperung als Architektur ist in den wenigsten Fällen in einem überschaubar homogenen Zeitraum (des Mittelalters) entstanden, sondern über die Epochen hinweg meist bis in’s 19. Jahrhundert vorangeschritten, unterbrochen von Kriegen, Geldnot und zwischenzeitlichem Desinteresse, und hat zahllosen unschuldigen Menschen das Leben gekostet.

    Was also auf den ersten Blick als organische Einheit entstanden erscheint, ist nirgendwo und nirgends die als gut und alt so beschrieene gute alte Zeit, sondern erweist sich häufig genug vielmehr als ein Konglomerat ganz verschiedener (menschlicher) Ideengeber und Urheber, ein allmähliches Zusammenwachsen erst von unterschiedlichen Zeiten und Kulturen. Umso mehr bieten die Arbeiten von Ava Smitmans dem Besucher der aktuellen Ausstellung des Stadtmuseums sehr persönliche Ansichtssachen (so ja auch der Titel der Ausstellung), die einer ganz eigenen Wahrnehmung und bildnerischen Umsetzung mit zeichnerischen und malerischen Mitteln sowie eingestreuten Collagetechniken verpflichtet erscheinen.
     

    Dabei trennt die 1969 in Tübingen geborene Künstlerin, die im norddeutschen Ottersberg und Hamburg studierte, nicht nach historischen oder stilistisch vereinheitlichenden Kategorien das allgemein kanonisiert Sehenswürdige (Erinnerungs- und Merkwürdige) von allem Nicht-Sehenswürdigen ab, im Gegenteil. Ava Smitmans bringt auf überzeugende Weise und gänzlich augenfällig das zusammen, was – wenigstens bloß vordergründig gesehen – überhaupt nicht zusammengehört. Sie öffnet damit den Blick auf wunderlich anziehende Konstellationen vermeintlich disparater Objekte, gegensätzlicher Strukturen und Oberflächen, verschiedener Sinn- und Lebenssphären, kurz gesagt auf die Nebensachen der sichtbaren, ach so bedeutungsheischenden Wirklichkeit, jene Nebensachen, von denen es mitunter auch heisst, sie seien die schönsten auf der Welt und käuflich nicht zu haben. (An dieser Stelle ist dies jedoch falsch gedacht, denn die hier gezeigten Arbeiten sind durchaus käuflich zu erwerben!)

    Doch nicht erst zeitgenössische Künstlerinnen wie Ava Smitmans haben sich bekanntermaßen die je eigene Freiheit genommen, den Blick (trotz Skizzen, später fotografischen Notizen u.a.) frei schweifen zu lassen oder privaten Motiv(vor)lieben anhänglich zu folgen. Bereits in zurückliegenden Stilepochen haben sich Maler und Zeichner oftmals eins zu eins reproduzierenden Vorgehensweisen enthoben, da sie mit ihren Bildarbeiten ja nicht bloß Weltwirklichkeit nachzuahmen trachteten, sondern (wenigstens in Teilen) neue Welten schaffen wollten, die umgekehrt dem sie Betrachtenden auch neuen Weltblick – Weitblick – zu eröffnen strebten. So legt auch Ava Smitmans ihren Ansichtssachen ungewöhnliche Bildausschnitte und Perspektiven zugrunde und verrückt die Dingewelt mit einer schier spielerisch leicht wirkenden Kombinatorik aus ihrer ursprünglichen Ordnung. In raffiniert wechselnden Rhythmen grafischer Strukturen einerseits und malerischer Flächenbehandlung andererseits treffen kleinteilige Detailverliebtheit und malsummarisch Großzügiges unvermittelt aufeinander und verbinden sich gleichzeitig doch; es entspinnt sich ein emsiges Schreiben, Kritzeln, Schraffen, auf durchscheinenden Lavuren, intuitiv fließenden Übergängen, darunter auch hellichte Farbenüberfälle.

    Dieser formal-ästhetischen Rhythmik vermeintlicher Gegensätze (eben von Linie gegen Fläche, Schwarz-Weiss gegen die Farbe) kommen die so facettenreichen Motive entgegen, die Ava Smitmans (die seit 2009 wieder in Tübingen lebt) in Horb vorfindet. Wie zuvor – während der Jahre in Hamburg, Harburg und Heiligenhafen an der Ostsee – erachtet sie nun in der schwäbischen Provinz Neues und Altes, Wertvolles wie scheinbar Nutzloses, die großen wie die kleinen Dinge als gleichermaßen bildwürdig, und verschmilzt diese ganz selbstverständlich in ihren zeichnerisch bestimmten, nichts desto weniger malerisch organisch wirkenden Kompositionen miteinander. Die verrammelte Bäckerei schmiegt sich da an’s mittelalterliche Stadttor an, gläserne Schaufensterfassaden an altehrwürdiges Fachwerk, Kruzifix und Müllkübel, Straßenlaterne, Dachrinnen und Verbotsschilder, zuletzt eine ausgeleierte Gitarre an der Häuserwand: Spuren historischer Entwicklung wie individueller Geschichte, ein Gemeinschaftsleben ebenso repräsentierend wie private biografische Spuren, alltäglich und rätselhaft zugleich, in der exakten Beobachtung des Gewesenen und des Verrinnens von Zeit.

    Zugegeben: im Kontrast zur mittelalterlicher Stadtsilhouette, zu den Hoheitszeichen und Heilsversprechen, die uns jahrhundertealte Befestigungsanlagen oder Kirchtürme zu vermitteln bieten, mag der bröckelnde Putz des zugesperrten Kinos Olympia allerhöchstens noch schäbigen Charme zu verbreiten wissen (kein Plakat mehr in der Vitrine und ob der Bus noch hält, ist ungewiss). Eingedenk dessen aber, dass just in dem Gebäude viele erste Küsse und so manche zarte Berührungen ausgetauscht wurden, zeichnen diesen Ort für Viele als sehr wohl erinnerswert aus. Das ein oder andere improvisierte Mahl (an anderer Stelle), aus der Papierserviette auf wackeligen Kunststoffstühlen eingenommen – Döner vor dem Wohlstands-Daimler –, kann in guter Gesellschaft genossen jedenfalls noch immer um Längen besser schmecken, als das erlesenste Luxus-Diner in Schöner-Wohnen-Ambiente mit Unsympathen. Allein die Farbe eines Plastikabfalleimers, die Ava Smitmans – na gut, das hat was von Azurblau –treffsicher daneben wiedergibt, genügt mir schon, um Marke, Namen und Geschmack des italienischen Lieblingseises am Gaumen nach Jahrzehnten wieder vorzukitzeln.

    Ob nun aber Geschmackssachen oder Ansichtssachen: wagen Sie es doch ruhig einmal, und legen Sie das Smartphone und das Tablet beiseite, schalten den Flat Screen aus und nehmen die 3D-Brille ab, verlassen Sie einfach die cleanen Oberflächen photogeshopter Widerkäuerei optisch-visueller Einheitsbreie und entfliehen Sie – in die analoge Wirklichkeit! Die Ansichtssachen von Ava Smitmans werden Ihnen in jedem Falle neue Blicke auf Horb und (damit auch Ihre eigene) Umgebung gewähren.

     

    Clemens Ottnad, Kunsthistoriker

    Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg

     

Auszüge aus der Eröffnungsrede von Otto Pannewitz zur Ausstellung „Jenseits des Guten und Schönen“ von Ava Smitmans in der Galerie der Stadt Sindelfingen, 2014

„(...)

Begrifflichkeiten wie das Gute und Schöne unterliegen allerdings einer kulturellen wie auch epochalen Deutung.

(...)

Nun weisen gerade Ava Smitmans Bilder differenziert auf Architektur und Stadträume, die nach landläufiger Meinung und in den Augen stadtplanerischer wie investiver Interessen jenseits des Guten und Schönen liegen, nicht der allgemeinen Vorstellung von annehmbarer Architektur entsprechen, wie heute das DOMO in Sindelfingen, das zumindest gegenwärtig den Eindruck einer etwas verlebten Fortifikation im Umfeld kleinstädtischer Bebauung erweckt und einem sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen gleich den urbanen Kontext sprengt.

(...)

Die breit gefächerte Technik, die die Künstlerin in den hier gezeigten Werken verwendet, ist aber nicht nur der Handschrift der Illustratorin geschuldet, sie ist für Ava Smitmans auch ein Ausdruck des von ihr Dargestellten. Mit ihren eigenen Worten gesagt: „Die Vielfalt und Gegensätzlichkeit urbanen Lebens spiegelnt sich in der oft von mir angewendeten Mischtechnik wieder: Acryl, Ölkreide, Bleistift, auch Buntstift, Kohle, Lack, Leinöl, häufig auch Collage. Objekte entstehen aus Pappe, Papier, Fotos und Fundstücken, zusammengefügt, bemalt, bezeichnet.“

Dergestalt gibt es in den Bildwerken neben expressivem Farbauftrag und linearem Bezeichnen, zwischen Detailpräzision und geradezu abstrakten Flächenkompositionen, eine Vielzahl von Materialeinfügungen, die die Malerei und Zeichnung in die Dreidimensionalität zum Relief und offenen Bild fortentwickeln. Das Auge stolpert so bei näherer Betrachtung schon auch mal über eine auf einem Dach eines Hauses festgetackerte Kunststoffplane, die einem Bild von etwas eine weitere Realitätsebene verleiht, geradeso als sei der schadenbegrenzende Dachdecker eben noch dagewesen.

Mit dieser auch eine unverwechselbare Handschrift schaffenden Bild- und Objektgestaltung findet Ava Smitmans nicht nur in Hamburg St. Georg sondern auch in Sindelfingen einmalige, originäre und charaktervolle Zeugnisse urbanen Lebens, urbaner Architekur, Orte von besonderer Erscheinung, das Gegenteil dessen, was man mitunter als gesichtslos beschreibt, ob man diese Orte nun mag oder nicht. In diesem Sinn ist Ava Smitmans Entdeckerin und oft auch Chronistin von urbanen Räumen, die nicht selten dem Verfall oder dem Verschwindenen preisgegeben sind.

Und wenn der im mittelalterlichen Bild den Ausdruck überirdischer Herrlichkeit und zugleich Kostbarkeit repräsentierende Goldgrund bedeutungsvoll ein schwäbisches, in die Jahre gekommenes, sieches Doppelhaus umschließt oder gar ein Altar für ein Abbruchhaus errichtet wird, übersteigt die Notation eines Zustandes, das irgendwie auch dokumentarische Festhalten des Verfalls oder gar des Verschwindens in der ausgeprägten Handschrift der Künstlerin die bloße Illustration hin zu einem Denkmal gegen eine auch urbane Verwertungsgesellschaft mit ausgeprägter und bedenkenloser Wegwerfmentalität. Im Übrigen unterstreicht die Wellpappenverpackung als Altar und Bildträger und sowieso alltägliches und tagtäglich entsorgtes Verbrauchsmaterial dies eindrücklich.

Ava Smitmans setzt diese Denkmale, als die ich ihre Bilder auch sehe, nicht in der Form der moralisierenden Fingerzeigerin, sondern führt uns in geradezu liebevoller, atmosphärisch verdichtender Annäherung die urbanen Schönheiten jenseits des Guten und Schönen vor Augen, die in sich eine zu entdeckende, ganz eigene Schönheit und Güte tragen. (…)“

 

Zur Ausstellung “Schiffsbegrüßung - die OLD LADY legt an”:

A.S. hat ein Auge für alles, was nicht vordergründig schön ist, für Dinge und Orte, die nicht herausgeputzt, „aufgehübscht“ sind. Ihr künstlerisches Auge (...) erfasst vorzugsweise das, was vom Zahn der Zeit schon deutlich angenagt wurde. Das Verlebte und Heruntergekommene, das Einsame, gelegentlich auch Abgründige. In welcher Absicht das geschieht, daran lassen die Arbeiten rund um die Old Lady keinen Zweifel.

Es geht A.S. nicht darum, den Verfall und die Vernarbungen schonungslos ans Licht zu zerren, bloßzustellen, zu sezieren oder unserem Mitleid auszusetzen. Sie tastet ihre Gegenstände liebevoll ab, zärtlich, mit Respekt und vorurteilslosen Interesse, mit spielerischer Freude und einem großen Gespür für die Geschichten, die sie uns erzählen können, wenn wir nur die Ohren oder die Augen weit genug aufmachen.

A.S. ist eine Entdeckerin, und das Schöne ist, dass sie ihre Entdeckungen so begeistert mit uns teilt. So werfen wir einen Blick (...), und wir erleben, wie sich die banalsten Dinge auf fast magische Weise aufladen.

(...) zwar realistisch, aber auf ihre ganz eigene Art, bei der es nicht darum geht, alles naturgetreu abzubilden. Es geht ihr um Atmosphärisches, um die Ausstrahlung der Räume und der Dinge, die sich darin befinden. Sie verleiht ihnen durch die Art, wie sie sie malend, zeichnend, collagierend nachbildet, Persönlichkeit. Bei aller detailverliebten Gegenständlichkeit gibt A.S. auch der Abstraktion Raum.

Es kann nicht verwundern, dass sie sog. „wertlose Materialien“ bevorzugt. Sie bearbeitet sie auf eine Art und Weise, dass sie aussehen, als seien sie vom jahrzehntelangen Gebrauch fleckig, abgegriffen,verwittert oder angegammelt. In die Bilder eingebaut, entfalten diese Materialien eine Realität, die man förmlich riechen und schmecken kann.

(Aus der Einführungsrede von Annette Janle zur Ausstellung „Schiffsbegrüßung - die OLD LADY legt an“, Frühjahr 2012 im Tübinger Künstlerbund)

“Ich habe in Ruinen gespielt, im Moderzeug, im Verkohlten, Verbrannten und habe Sachen gefunden, deren Eigentümer ich wurde. Will sagen, es ist mir nichts Fremdes. Jedoch in der heutigen Zeit ist das eine andere Zerstörung, deren Hinterlassenschaften – so man sie findet- keine Antiquitäten sind, sondern übrig gebliebener Mist, letzten Endes des Kapitalismus. Die Willkür des Krieges ist noch etwas ganz anderes als die Willkür des Kapitalismus, der die Leute aus ihrem Milieu vertreibt und ihnen vorgaukelt, sich ein neues Milieu, einen Ersatz zu schaffen möglich sei.

Das Bewesen und Behausen ist dem Kapitalismus fremd, war uns aber nach dem Krieg, im Krieg nicht fremd, weil wir weiter in den Ruinen lebten. Die Frage, was nun entsetzlicher ist, stellt sich mir im Moment nicht. Vielleicht mache ich es mir zu einfach.
Jetzt finden wir aber im Sozialismus die gleichen Schädigungen vor: die generelle Verrottung?
Darauf kann ich schlecht antworten. Aber Du hältst nicht nur Deinen Finger, sondern Deine ganze Hand in diese Wunde.
Die Reste, die Du an den Wänden zeigst, geben diesen Schmerz des Verlassenwerdens kund.”

(Der Münsteraner Künstler Joern Schlund zu Bildern meiner Ausstellung “Wie lange noch?”)

Zu meinen Arbeiten:

Mein künstlerischer Arbeitsschwerpunkt ist seit 2005 der städtische und der vom Menschen geprägte ländliche Raum:

Ich erkunde die Umgebung und suche abseits von Postkartenidyllen nach  unscheinbaren oder gerne Übersehenen alltagskulturellen Orten wie  Ladenfassaden, Hinterhöfen, Leerstand, Industrie, Baustellen,  architektonischen Reibepunkten... Zuerst halte ich meine Motive per  Foto oder Skizze fest, dann erfolgt im Atelier das Umsetzen in Malerei, Objekte und Zeichnungen. Wichtig ist die Atmosphäre, die die Orte  ausstrahlen. Diese wird durch eine teils detailgenaue, teils abstrahierende Arbeitsweise, meist in mehrschichtiger Kombination aus  malerischen, zeichnerischen und collagierenden Anteilen,  herausgearbeitet.

Neben der Darstellung ortsgebundener Situationen besteht für mich ein  Interesse  in der Entwicklung ortsübergreifender Bildfindungen.  Ausgehend von konkret vorgefundenen Motiven entstehen allgemein lesbare  Arbeiten zum Thema Leerstand, Vom Leben Gezeichnetes, Zukunft,  Zukunftslosigkeit, Randständigkeit, Alltäglichkeit.

So schaffe ich ungewöhnliche Zeitzeugnisse. Zum Einen ortsspezifischer alltäglicher und vergänglicher Gegebenheiten, die den Betrachtenden eine neue Sicht  auf Bekanntes ermöglichen, und zum Anderen allgemein deutbare Stimmungsbilder der heutigen Gesellschaft und menschlicher Befindlichkeiten.

Meine Bilder lösen oft Erstaunen aus, das sich in Äußerungen zeigt, wie: “€žDass Sie das gemalt haben! So habe ich das ja noch nie gesehn! Dabei  geh ich jeden Tag daran vorbei...” oder wenn ich zum Fotographieren  unterwegs bin, fragen mich die Leute: “Was ist denn daran bitte schön?”

Mit offenen Augen durch die Welt zu gehen schafft ungeahnte Perspektiven.  Ich finde dies auch gesellschaftlich wichtig. Es stellen sich Fragen wie: was ist Schönheit, was braucht der Mensch, was hofft er, wo fühlt  er sich zu Hause, wo geborgen, wo entfremdet, was ist schöner Schein, was ist dahinter, warum sehe ich Manches ungern, wie gehe ich damit um...? Und auch: Muss Kunst schön sein? Wie muss etwas beschaffen sein,  um bildwürdig zu sein?

Die Präsentation der entstandenen Arbeiten in einer Ausstellung dient dazu, mit BewohnerInnen und BesucherInnen  des Ortes ins Gespräch zu kommen, über die Kunst, die Orte an sich und  die mit dem Thema verbundenen Fragestellungen.

Ich arbeite gerne projektbezogen am Ort, der Ort gehört zu meiner Arbeit, und ich bin neugierig auf jeden neuen Ort.

(Ava Smitmans )

Der Abriss

Das Haus erinnert mich an ein Wesen im Todeskampf. Immer wieder hustet es Stücke aus seinen Fenstern, die mittlerweile Löcher sind. Große Auswurf-Haufen liegen schon unten. Seine Wände zersetzen sich, bekommen Lücken. Faszinierend auch, wie schwer das Haus es den Arbeitern macht, es zu zerstückeln. Sie kommen nur langsam voran mit ihren Presslufthammern, Vorschlaghammern, Brecheisen, Steinsägen. Sie balancieren angeseilt über Löchern im Fußboden. Es staubt in kleinen und großen Wolken, während sie die beiden vor Jahren miteinander verbundenen Blocks trennen. Das Haus hat noch Kraft und setzt sich zur Wehr. Aber es wird natürlich erliegen. Die Beharrlichkeit der Menschen, es zu zerstören, ist zu groß. Das Dach ist schon halb abgedeckt. Schnee liegt im Treppenhaus. Es rumst und poltert in seinem Inneren, es stöhnt und dröhnt. Heute, schätz ich, werden große Wandstücke fallen und viel von seinem Innenleben preisgeben. Spätestens nächste Woche, wenn der Bagger kommt. Schlafzimmertapeten, blau gemustert, Poster-Reste, ein Schlüsselbrett, beklebte Fliesen, wo einmal die Küche war, eine Badewanne. Die in die Wand eingelassene Seifenschale ist von unten gar nicht zu sehen, aber ich weiß, dass sie da ist...war. Ich gehe wieder hin. Es ist der 5. Tag. Es soll hinterher nicht heißen, das Haus sei völlig widerstandslos gefallen, sozusagen auf einmal nicht mehr dagewesen. Nein, so war es nicht, ich bin Zeugin!

Ava Smitmans, Februar 2013 (Zum Abriss des Hauses Wennfelder Garten 52, siehe Ausstellung “Wenn Felder und Garten”)

Wie lange noch?
Und dann?

Häuser bergen Menschen.
Sie bieten Schutz.
Sie geben Raum..
Die Menschen formen den Raum.
Der Raum formt die Menschen.
Der Raum atmet die Geschichte der Menschen.
Ein und aus.

Leerstehende Häuser. Abbruchhäuser.
Haben Häuser eine Seele?
Wer hat da gelebt?
Was ist noch übrig?
Geschichte(n).
Staubige Fensterscheiben
Ich schaue hindurch
Leere Räume
geheimnisvoll
Als würden sie schlafen
oder warten
hoffen
Werden sie einmal wieder erweckt?
Liebevoll hergerichtet?
Mit Leben erfüllt?
Oder ist es wirklich das Ende?

Die Abrissbirne
schwebt über ihnen
wie ein Todesengel
Ich bin traurig

 

Ein Altar
Etwas Heiliges
Sind alte Häuser heilig?
Darf mensch sie abreißen?

Tapeten
Farbschichten
Türen mit profilierten Rahmen und Füllungen
Fußbodenbeläge übereinander, nebeneinander
Abgetreten, poliert von tausenden Fußtritten
Abdrücke der Möbel auf dem Fußboden
Abdrücke von Bildern an den Wänden
Löcher von Nägeln und Schrauben
Reste von Postern
Überbleibsel von Wandschmuck
Erinnerungsstücke- zurückgelassen
Wo ist der Besitzer jetzt? Ob er noch lebt?
Vielleicht im Altenheim
oder in Kirchentellinsfurt
Kabel- was hing daran?
Die ewig zu laute Stereoanlage, wegen der es immer wieder
Streit gab?
Schalter für alles Mögliche- wer hat sie angeschlossen,
angeschaltet, ausgeschaltet, wann flog die Sicherung raus-
weißt du noch- der Stromausfall? War das 1986 oder 87?
Der Ofen wurde 1958 gekauft
Umstellung auf Ölheizung
Kein Kohleschleppen mehr
Müll und Staub im Treppenhaus
Wann wurde wohl zum letzten Mal gefegt?
War es an einem schönen Sommertag?
Oder hat es draußen geschüttet wie aus Eimern, und die Nachbarin
kam tropfend hineingehuscht- passen Sie auf- frisch gewischt!
Moin!- Nee, was 'n Sauwetter!- Schönen Tag noch!
Wer hat die alte, knarrende Treppe gebaut,
wer das schöne Geländer gedrechselt?
Es wird alles abgerissen
zusammen gehauen
ein Haufen
Müllkippe, Bauschutt

weg.

(Ava Smitmans, 2008, zur Ausstellung “Wie lange noch?” im Kunstraum Hosenstall in Hamburg- St. Georg:)