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“rechts und links der Straße - ein Kunstprojekt zur B27 durch Ofterdingen”
Ausstellung 9. 4. - 11. 5. 2018 im Landratsamt Tübingen

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Schwäbisches Tagblatt

Reutlinger Generalanzeiger

Kunstsalon im LRA am 12. 4. 2018:

Ava Smitmans: über mein Projekt - Ausführungen beim Kunstsalon im LRA:

Schon als Jugendliche bin ich häufig auf dem Weg von Tübingen auf die Alb durch Ofterdingen gefahren, und schon damals fiel mir die Besonderheit dieser Ortsdurchfahrt auf, das Konglomerat aus alten Häusern, Gasthöfen, Fabriken und zur Schau gestellten Waren. Die Faszination dauert bis heute an. Auf den Fahrten zu meinem Projekt davor, nach Albstadt, merkte ich, dass ich diese Faszination nun dringend in Bilder umsetzen wollte. Zumal immer wieder von der geplanten Umgehungsstraße die Rede ist, die bewirken wird, dass der momentane Zustand am Rande der Straße sich radikal ändert, da bin ich mir sicher. Viele der ansässigen Betriebe, die momentan vom Durchgangsverkehr leben, durch ihn erst entstanden sind, werden vermutlich dann von dort verschwinden. Ich will keine Politik für oder wider die Umgehungsstraße machen, aber die Mission meiner künstlerischen Arbeit ist seit gut 12 Jahren eben das: Situationen im vom Menschen geprägten Raum festzuhalten, bevor sie verschwinden. Ich habe im Laufe meiner Arbeit ein Gespür dafür entwickelt, Ecken wahrzunehmen, die von den meisten, die jeden Tag daran vorbeieilen, gar nicht gesehen werden, oder die viele gar nicht sehen wollen, weil irgendein Makel daran haftet, Ecken, die deshalb oft das Schicksal ereilt, dem Erdboden gleich gemacht zu werden. Ich möchte den Blick öffnen für diese Ecken. Was Schönes oder Spannendes in ihnen steckt, Leben, das in ihnen stattfindet, Spuren von früher stattgefundenem Leben, das interessiert mich, gerade weil es so alltäglich und banal erscheint. Diese Orte sind auch ein Spiegel unserer heutigen Gesellschaft. Wie leben wir, wie arbeiten wir, was schätzen wir oder eben nicht, womit umgeben wir uns, was finden wir schön, was hässlich und warum? Und wenn diese Orte dann bedroht sind, dann will ich wenigstens noch ein Bild davon malen, ihnen ein Alltagsdenkmal setzen.

Das ist es, was ich bei meiner Arbeit am Rande der B27 besonders gespürt habe: den Alltag. Ich arbeitete den ganzen August 2017 pleinair, also unter freiem Himmel an der Straße. Ich zog mit meinem Skizzierhocker und meinem Mal- und Zeichen-Koffer los und setzte mich an eine der vielen Stellen, die mich lockten, mich malerisch und zeichnerisch in sie zu vertiefen. Es kostete mich mitunter Überwindung, denn auf dem Skizzierhocker sitzend war ich doch sehr präsent und den Menschen, die vorbeikamen oder dort wohnten, preisgegeben. Es war immer wieder ein Schritt über eine Schwelle. Besonders betraf das natürlich die Betriebe, die ich gerne nicht nur von außen wiedergeben wollte. Hier musste ich ja anfragen, ob ich mich auf ihrem Terrain bewegen durfte. Zu meiner Freude hießen mich fast alle, die ich fragte, wohlwollend willkommen. Ich bekam auch immer wieder Getränke angeboten, einmal sogar selbstgemachten Brombeerkuchen. Selten wurden auch Bedenken geäußert. Das betraf meist Ecken, in denen Müll oder Dinge, die womöglich für Müll gehalten werden könnten, aufgestapelt waren. Sowas eckt natürlich bei den ordnungsliebenden Schwaben an, aber für mich sind gerade solche Stapel besonders malerisch. Ich mag die Farbigkeit, die verschiedenen Materialien, die Geschichten, die in solchen Anhäufungen stecken. Das Alles zeugt ja vom menschlichen Leben. Und was für den einen Müll ist, kann der andere oftmals noch gebrauchen und achten. In Ofterdingen gibt es viele solcher Stapel und Anhäufungen, und sie bilden einen wichtigen Bestandteil meiner von dort abgebildeten Motive.

Eine sehr aufwühlende Begegnung hatte ich mit einer Frau, die mir Malverbot erteilen wollte. Ich befand mich auf einem öffentlich zugänglichen Grundstück, hatte zuvor den Pächter gefragt, ob ich mich dort zum Zeichnen hinsetzen dürfe und dessen Erlaubnis erhalten. Ich hatte einen Gegenstand im Visier, der öffentlicher nicht sein kann, der täglich von 1000 Augen gesehen, von zig Händen angefasst wird, und der mich gerade wegen dieser Alltäglichkeit, seines unermüdlichen seine Arbeit Tuns ansprach. Als ich schon weit mit meiner Zeichnung gediehen war, verwies mich die herbeigeeilte Grundstückseigentümerin vom Platz. Ein Gespräch war leider nicht möglich. Nach dem ersten Schock hat es mich nachdenklich gemacht. So eine Reaktion sagt ja auch viel darüber aus, wie die Menschen ihre Umgebung wahrnehmen und auch wahrgenommen sehen wollen. Warum diese harsche Reaktion? Was empfand diese Frau als so anstößig, dass sie es nicht abgebildet sehen wollte? Müll gab es jedenfalls keinen auf dem Bild.

Verwundertes Kopfschütteln gab es immer mal wieder ob meiner Motivwahl. Zum Beispiel, dass man mit einer Kreissäge nicht nur sägen kann, sondern sie zeichnen mag und sich dafür 1 1/2 Std Zeit nimmt. Aber dann gab es halt auch die Frage, ob denn das Licht reiche, man könne gerne noch mehr Licht machen. Dass man 2 Stunden lang so einen kleinen Wohnwagen, der als Verkaufsraum für einen Gebrauchtwagenhändler dient, zeichnet, mitsamt den davorstehenden Stühlen und den Plastikbechern auf dem Tischchen, das ist erstmal nicht so richtig begreiflich. Was ist da schon groß zu sehen, ist doch nur ein bescheidener Arbeitsort. "Die Coladose muss doch da weg, oder?" "Nein, lassen Sie sie stehen, sie ist wunderbar dort!", ich bekam Tee angeboten, und die Freude über das fertige Bild mit all seinen Details war am Ende groß. Natürlich bekamen die Betriebsinhaber einen Foto-Abzug. "Den hänge ich da ins Fenster" sagt der Autoverkäufer stolz. Ein alter Mann kommt aus seinem Haus zu mir. "Da bin ich geboren, und da werde ich wohl auch sterben." sagt er. Wie hat er die Straße sich verändern gesehen in all der langen Zeit? Er kommt zu meinem offenen Atelier, sitzt lange am Tisch und trinkt Kaffee. Der Antiquitätenhändler nebendran hatte seinen Laden 40 Jahre, nun gibt er sein Geschäft auf, und ich male das vermutlich erste und sicher letzte Bild von seinem Ladeneingang. Der Antiquitätenhändler Richtung Ortsausgang ist noch länger hier , er war der erste von allen, sah das Potenzial der Straße, und keiner stapelt seine Antiquitäten so schön wie er. Er kann so viele Geschichten erzählen, dass es für ein Buch reichen würde. Aber er hält sich lieber zurück. Der 70-jährige Autohändler meint: "mir macht es nichts aus, wenn die Straße verlegt wird, dann bin ich eh nimmer da." Einer erzählt mir, wie er als ganz Junger nach Deutschland kam, er arbeitete umsonst im ersten Betrieb, um deutsch zu lernen, seine Ausbildung wurde nicht anerkannt, er musste die Prüfung neu machen, es war schwer, er hat sich hoch gearbeitet, zäh, ausdauernd, das Ziel eines guten Lebens vor Augen. Wieder ein anderer Autohändler hat den Betrieb nun schon in 2. Generation. Die Frau, die die Imbissbude betreibt, erzählt stolz, dass ihr Mann dieselbe gebaut hat. Die Krone-Wirtschaft befindet sich seit dem 18. Jhdt. in derselben Familienhand. Beim Zeichnen nebenan spricht mich eine ältere Dame an. "Jetzt bin ich aber doch neugierig, was Sie da machen", sagt sie und nimmt mich mit in die Wirtschaft, um mich ihrem Sohn vorzustellen, der nun mit seiner Frau das Haus betreibt und ihm ein neues amerikanisches Image verliehen hat."Route 27" mit Motorrad-Treffen, zu dem 1000e Motorräder angereist kommen. Er führt mich durch's Haus und zeigt mir den Raum, in dem früher die Kutscher mit ihren Pferden übernachtet haben. "So hatten sie es warm", sagt er. Die Schnaps-Destille, die er einmal im Jahr in Betrieb nimmt, auch damit er die Lizenz nicht verliert, zeichne ich am nächsten Tag, während um mich herum die Mitarbeiter des Gasthofes hin und her wuseln, um das Mittagessen vorzubereiten. Ein anderer Gasthaus-Inhaber kommt aus Österreich und hat schon verschiedene Gastronomien wieder aufgebaut, die vor dem Aus standen, wie er berichtet. Seine Mitarbeiterin wartet extra noch eine Weile mit dem Aufstellen der Stühle, damit ich mein Bild fertigmalen kann. Der Gärtner, der dabei ist, seine alteingesessene Gärtnerei abzureißen, zeigt mir Fotos, auf denen sie noch blüht, mit Vater und Großvater, früher war da sogar noch eine Tankstelle. Er erklärt mir die Dämpfmaschine und zeigt mir die alten Stempelbuchstaben, mit denen früher die Schleifen für die Grabkränze bedruckt wurden, und mit denen er als Kind gespielt hat. Wie schwer ihm der Prozess des Abrisses fallen muss, kann ich nur erahnen. Aber er schaut nach vorn mit der Planung eines neuen Wohnviertels anstelle der früheren Gewächshäuser, er möchte gutes bewirken für den Ort, in dem er lebt, sagt er. Mich faszinieren die silbrig glänzenden Tanks der Firma Speidel und die Tatsache, dass auch diese Firma so wie die zahlreichen Stielfabriken, die einst den Ortsalltag bestimmten, und von denen es heute nur noch 2 gibt, von den Wagnern abstammt, die sich im 18. Jhdt am Rande der Straße angesiedelt haben. Die Tanks wurden früher aus Holz hergestellt, der Betrieb hat umgeschwenkt auf die Arbeit mit Metall und Kunststoff, ist mit der Zeit gegangen, hat überlebt, exportiert in die ganze Welt.

So tauche ich ein in verschiedene Welten am Rande der Straße: Geschichten, Geräusche, Gerüche, Geschäftigkeit, MIttagspause, einkehrende Handwerker, vorbeifahrende Autos aller Art, LKWs beladen mit verschiedensten Gütern, Abrissarbeiten, die Reparatur eines Autos, der Austausch eines Blitzer-Apparates... all das wirkt auf mich wie der Pulsschlag einer gewaltigen Lebensader, mit Höhen und Tiefen, Freud und Leid, wie das Leben sie eben mit sich bringt. Meine Arbeit vor Ort brachte Menschen mit Kunst in Berührung, die sonst wenig oder gar nichts mit ihr zu tun haben. Sie erlebten, dass Dinge als kunstwürdig erachtet werden, von denen sie es niemals dachten, und konnten Kunst live entstehen sehen. Ich bekam Einblicke in für mich neue Welten. Ein sehr schöner Austausch, wie ich finde!
Dieser Austausch erfolgte eher am Rande, ich dokumentierte kein Gespräch. Die Wirkung zwischen den direkt Beteiligten war für mich zunächst wichtig genug, und ich wollte die Unmittelbarkeit des Kontaktes nicht stören, zumal vorsichtiges Nachfragen zeigte, dass für ein öffentliches Erzählen von Geschichten eine starke Hemmschwelle bestanden hätte. Gereizt hätte mich das schon sehr, etwas in dieser Richtung zu bewegen! Aber ich sehe eigentlich das Malen als meine künstlerische Aufgabe an, die meine Aufmerksamkeit auch ausreichend in Anspruch nimmt. Eine Ausweitung hin zur Präsentation auch der Geschichten hinter den Motiven hätte den Zeitrahmen und meine Möglichkeiten gesprengt. Trotzdem wäre es bestimmt eine spannende Sache, für ein anderes Projekt einmal jemanden, z.B. aus dem Bereich der empirischen Kulturwissenschaften, an meiner Seite zu haben, der/die die Geschichten zu den gemalten Motiven aufschreibt, die Begegnungen dokumentiert. Sodass das Projekt eine weitere Ebene bekommt, die auch für noch mehr Menschen sichtbar ist. Meine Projekte entwickeln sich ja eins aus dem anderen immer weiter, so kann ich mir durchaus vorstellen, in Zukunft eins in einem solchen Rahmen zu realisieren.

Nun kann man vielleicht ein wenig von dem Leben an der Straße aus meinen Bildern erahnen. Schön ist ja auch immer, wenn die Kunst Raum für eigene Gedanken und Geschichten lässt. In dieser Richtung wirken vielleicht noch mehr die Bilder auf Hartfaser, die ich im Sept. 2017 in meinem 2. Quartier, der alten Mühle in Ofterdingen an der Staffelei nach eigenen Fotos umsetzte.Während ich direkt am Motiv eher versuche, in begrenzter Zeit möglichst viele Details desselben zu erfassen, ermöglicht mir die Arbeit im Atelier durch den Abstand und die Ruhe, mich mehr darauf zu konzentrieren, einen eigenen Ausdruck für das zu finden, was die Motive auf mich ausstrahlen. Ich arbeite größerformatiger, mit mehr verschiedenen Materialien (neben Acrylfarbe, Kreide und Ölkreide, Bleistift, Buntstift und Tusche auch mit Collage), sowie mit mehr expressiven und abstrahierenden Bildanteilen. 12 Mischtechniken auf Hartfaser entstanden auf diese Weise.

Ich möchte mich bei denen bedanken, ohne die das Projekt nicht hätte stattfinden können:
Zunächst beim Landkreis Tübingen für die finanzielle Unterstützung im Rahmen des Projektes Kultur im Landkreis Tübingen. Hier stieß ich mit meinem Konzept im Frühjahr 2017 sofort auf offene Ohren, vielen Dank! Frau Blaum, 2. Bürgermeisterin von Ofterdingen, unterstützte den Infoabend, den ich zu Beginn meines Projektes im Ofterdinger Rathaus veranstaltete und sagte mir für 2019 eine Ausstellung zu meinem Projekt ebendort zu, so haben auch die Ofterdinger direkt vor Ort etwas davon, vielen Dank dafür! Dass ich vor Ort wohnen und arbeiten und so richtig in die Atmosphäre des Ortes eintauchen konnte, verdanke ich meinen Quartiergebern: Roland Föll sowie Gabi und Peter Kaiser haben mir je für 1 Monat ihre Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, ganz lieben Dank! Danke auch allen ansässigen Betrieben, die mir ihre Räume und Plätze zum Zeichnen geöffnet haben! Sie alle haben Anteil an der abgebildeten Vielfalt. Für die Finanzierung des Kataloges konnte ich ansässige Betriebe und Privatpersonen gewinnen, was mich besonders freut, da der Katalog so über Bürgerbeteiligung zustandekam und die Nennung dieser Betriebe am Ende des Kataloges einen schönen Querschnitt zeigt von dem, was sich an der Straße abspielt. Außerdem trägt auch die Gemeinde Ofterdingen durch den Ankauf von Katalogen einen Teil zur Katalogfinanzierung bei. Danke allen hieran Beteiligten!

 

Die in der alten Mühle (2. temporäres Atelier in Ofterdingen) entstandenen
Gemälde wurden außerdem am Pfingstmontag, dem deutschen Mühlentag, ebendort
ausgestellt.
Eine Ausstellung im Ofterdinger Rathaus folgt in der 1. Jahreshälfte 2019.
Eröffnung: 18. 1. 2019

Arbeitsaufenthalt in Ofterdingen:
Vom 1. August bis 30. Sept. 2017 arbeitete ich für mein Kunstprojekt vor Ort. 2 Quartiere/temporäre Ateliers wurden mir hierfür zur Verfügung gestellt. Ich bin begeistert von der Vielfalt und Lebendigkeit, die sich mir entlang der Straße zeigt. Es war mir eine große Freude, all das zu entdecken und mit Pinsel und Stift festzuhalten. Dabei ergaben sich auch immer wieder schöne Gespräche mit den Ansässigen. Es entstanden ca. 60 Zeichnungen und kleinformatige Malereien überwiegend direkt vor dem Motiv pleinair oder auch in Betrieben, sowie 12 größerformatige Arbeiten im Atelier.
 

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Presseartikel Schwäbisches Tagblatt/Steinlach-Bote

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